Als Erison vor den König trat, lächelte er voller
Erstaunen.
"Was kann ich tun, glauben und werden, um wieder gesund
zu sein, um für mein Volk wieder ganz da zu sein?"
fragte der König. Erison lächelte und sprach: "Es
gibt das Wasser des Lebens. Das wird dich wieder gesund machen,
mein König. Das wichtige dabei ist, dass du auf deine
Heilung vertraust und fest an sie glaubst. Und nach einer
angemessenen Zeit wirst du wieder gesund sein und kannst deine
Tätigkeit wieder aufnehmen." Sofort sandte der König
Ärzte, Heilkundige und Kuriere im ganzen Land aus, das
Wasser des Lebens zu finden.
Erison stand dem König beiseite und bat ihn, sich einmal
vorzustellen, wie es sein wird, wenn er wieder ganz gesund
ist. Er sprach ruhig und gelassen und passte sich dem Atemrhythmus
des Königs an. "Lieber König, nimm einen tiefen
Atemzug und spüre wie die klare frische Luft deine Lungen
erfüllt und von dort aus Sauerstoff bis in die kleinste
deiner Zellen verteilt und sie ernährt. Mit jeder Faser
deiner Seele spürst du wie es dir mit jedem Atemzug besser
und besser geht. Ja, genauso. Lass den Atem in einem dir gemäßen
Tempo einströmen und langsam wieder heraus. Suche die
Stelle in deinem Körper, die sich am angenehmsten anfühlt.
Lass dich überraschen welche Stelle das ist. Lass von
dort aus dieses angenehme Gefühl sich in deinem ganzen
Körper ausbreiten. Mit jedem Atemzug erscheint vor deinem
inneren Auge ein Bild deiner baldigen Zukunft, wenn du wieder
ganz gesund bist. Stelle es dir vor wie es sein wird und je
angenehmer du es dir vorstellst, umso eher wirst du dieses
Ziel erreichen. Was wirst du sehen. Vielleicht dich selbst.
Vielleicht andere Menschen, die dir sagen: Gut siehst du aus.
Vielleicht kannst du sehen, wie du gehst oder läufst,
stehst oder sitzt oder was immer es genau ist, was du in deiner
Zukunft sehen willst. Vielleicht gibt es ganz bestimmte Tätigkeit,
die du demnächst wieder tun wirst. Mal dir ein Ziel.
Ziele haben eine Sogwirkung....
Quelle: CD - Das Wasser des Lebens, Dr. med. Petra Billeke
Vielleicht ...
Eine sehr alte chinesische Taogeschichte erzählt von
einem Bauern in einer armen Dorfgemeinschaft. Man hielt ihn
für gutgestellt, denn er besaß ein Pferd, mit dem
er pflügte und Lasten beförderte. Eines Tages lief
sein Pferd davon. All seine Nachbarn riefen, wie schrecklich
das sei, aber der Bauer meinte nur, "vielleicht".
Ein paar Tage später kehrte das Pferd zurück und
brachte zwei Wildpferde mit. Die Nachbarn freuten sich alle
über sein günstiges Geschick, aber der Bauer sagte
nur, "vielleicht". Am nächsten Tag versuchte
der Sohn des Bauern, eines der Wildpferde zu reiten; das Pferd
warf ihn ab und er brach sich ein Bein. Die Nachbarn übermittelten
ihm all ihr Mitgefühl für dieses Missgeschick, aber
der Bauer sagte wieder "vielleicht".
In der nächsten Woche kamen Rekrutierungsoffiziere ins
Dorf, um die jungen Männer zur Armee zu holen. Den Sohn
des Bauern wollten sie nicht, weil sein Bein gebrochen war.
Als die Nachbarn ihm sagten, was für ein Glück er
hat, antwortete der Bauer, "vielleicht..."
Quelle: Bandler, R., Grinder, J., Refraiming: Ein
ökologischer Ansatz in der Psychotherapie (NLP), Jungfermann,
Paderborn 1985.
Diese Geschichte erhielt ich von A. Jakobs, 04/2002.
Vielen Dank!
Die Geschichte vom Löwen
Es war einmal ein Löwe, der in einer Wüste lebte,
die ständig vom Wind durchweht wurde. Deshalb war das
Wasser in den Wasserlöchern, aus denen er normalerweise
trank, niemals ruhig und glatt; der Wind kräuselte die
Oberfläche, und nichts spiegelte sich im Wasser.
Eines Tages wanderte der Löwe in einen Wald, wo er jagte
und spielte, bis er sich ziemlich müde und durstig fühlte.
Auf der Suche nach Wasser kam er zu einem Teich mit dem kühlsten
(verlockendsten und angenehmsten) Wasser, das man sich überhaupt
vorstellen kann. Löwen können - wie andere wilde
Tiere auch - Wasser riechen, und der Geruch dieses Wassers
war für ihn Ambrosia. Der Löwe näherte sich
dem Teich und streckte seinen Schädel übers Wasser,
um zu trinken. Plötzlich sah er jedoch sein eigenes Spiegelbild
und dachte, es sei ein anderer Löwe. "Oh je",
sagte er zu sich, "das Wasser gehört wohl einem
anderen Löwen, ich sollte vorsichtig sein." Er zog
sich zurück, aber der Durst trieb ihn wieder zum Wasser;
und abermals sah er den Kopf eines furchterregenden Löwen,
der ihn von der Wasseroberfläche her anstarrte. Diesesmal
hoffte unser Löwe, er könne den "anderen Löwen"
verjagen und riss sein Maul auf, um furchterregend zu brüllen.
Aber als er gerade seine Zähne fletschte, riss natürlich
auch der andere Löwe sein Maul auf, und der gefährliche
Anblick erschreckte unseren Löwen. Und immer wieder zog
sich der Löwe zurück und näherte sich dem Teich.
Und immer wieder machte er dieselbe Erfahrung. Nachdem einige
Zeit vergangen war, wurde er aber so durstig und verzweifelt,
dass er zu sich selber sagte: "Löwe hin, Löwe
her, ich werde jetzt von diesem Wasser trinken." Und
wahrlich, sobald er sein Gesicht in das Wasser tauchte, war
der "andere Löwe" auch schon verschwunden.
(Shah, 1978)
Quelle: B. Tränkle: Löwengeschichten, Carl-Auer-Verlag
Diese Geschichte erhielt ich von F. Tank, 9/2001. Vielen
Dank!
Die Geschichte vom armen Tagelöhner
In Galizien gab es einst einen sehr weisen Rabbiner. Seine
Gemeinde war so arm, dass keine Familie mehr besaß als
ein Zimmer. Besonders schlimm war das für einen Tagelöhner
mit sieben Kindern. Jammernd kam er zum Rabbi und flehte ihn
an, ihm zu helfen.
Der Rabbi nahm den Armen mit in den Stall, band seine Ziege
los und drückte ihm das Seil in die Hand. "Nimm
die Ziege mit nach Hause, Reb Jid", sagte er, "und
binde sie an den Bettpfosten. In acht Tagen bringst du sie
wieder."
Weinend zog der arme Jude die Ziege hinter sich her. Er hätte
nie gewagt, dem Rabbi zu widersprechen. "Frau",
sagte er schluchzend, "binde das Tier an den Bettpfosten.
Es scheint Gottes Wille zu sein, dass wir immer unglücklicher
werden."
Die Ziege wurde ans Bett gebunden. Sie meckerte. Sie machte
Schmutz. Sie stieß die Kinder. Die Kinder heulten. Die
Ziege wollte fressen. Der Jude mit seiner Familie musste Gras
beschaffen. Das Gras flog in der Stube umher. Die Ziege stank.
Sie nahm das letzte bisschen Platz für sich.
Am zweiten Tag lief der arme Mann zum Rabbi und klagte: "Es
ist alles noch viel schlimmer als zuvor. Die Ziege hat uns
keine Erleichterung gebracht." Aber der Rabbi blieb hart.
Die Ziege wollte er nicht vor Freitag bei sich sehen. Ganz
verzweifelt kam der Tagelöhner nach Hause zurück.
Frau und Kinder schauten ihm schon hoffnungsvoll entgegen.
Aber er schüttelte nur wortlos den Kopf. Nach qualvollen
Tagen kam der Freitag heran. Der Jude band die Ziege vom Bettpfosten,
zog die Ziege hinter sich aus dem Haus und brachte sie dem
Rabbi zurück.
"Auch diesmal hat es nichts genützt, Rabbi",
sagte er. "Deine Ziege ist keine Wunderziege. Sie ist
eine Ziege wie alle anderen auch. Sie meckert, sie stinkt,
macht Schmutz und will dauernd fressen. Ich hatte gehofft,
dass du ein besseres Mittel weißt."
Der Rabbi wiegte den Kopf hin und her und sagte nichts. Er
brachte die Ziege in den Stall zurück und ließ
den Juden gehen.
Schon von weitem sah der Mann, dass die Frau und Kinder fröhlich
lachend zum Fenster heraus schauten. Und als er nahe herangekommen
war, merkte er, dass sie sauber gewaschen und gekleidet waren.
Und als er in die Stube trat, kam ihm die Stube so schön
vor wie noch nie: Keine Ziege meckerte, keine machte Schmutz,
keine stank und keine stieß die Kinder. Um den Tisch
herum war erstaunlich viel Platz.
Und er begriff, wie weise der Rat des Rabbi gewesen war. Zufrieden
feierten sie miteinander den Sabbat.
Quelle: Inge Ott - Der stumme Wächter. Fischer
Schatzinsel, Frankfurt, 1996
Diese Geschichte erhielt ich von H.-J.Traub. 04/2001.
Vielen Dank!
Keine Zeit
Ein Spaziergänger ging durch den Wald und begegnete
einem Waldarbeiter, der hastig und mühselig damit beschäftigt
war, einen bereits gefällten Baumstamm in kleinere Teile
zu zersägen. Der Spaziergänger trat näher heran,
um zu sehen, warum der Holzfäller sich so abmühte,
und sagte dann:" Entschuldigen Sie, aber mir ist aufgefallen:
Ihre Säge ist ja total stumpf! Wollen Sie diese nicht
einmal schärfen?" Darauf der Waldarbeiter (stöhnend):"Dafür
habe ich keine Zeit - ich muß sägen!"
Quelle: unbekannt
Diese Geschichte erhielt ich von W. Nippe. Vielen Dank!
Die Geschichte mit dem Hammer
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er,
nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt
unser Mann, hinüber zugehen und ihn auszuborgen. Doch
da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer
nicht leihen will? Gestern grüßte er mich nur so
flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber war die Eile
nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was?
Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein.
Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe
es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen
einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl
vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein,
ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer
hat. Jetzt reicht's mir wirklich.- Und so stürmt er hinüber,
läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten
Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten
Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!"
Quelle: P. Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein
Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral
Ein reicher Tourist fotografiert einen in der Sonne liegenden
Fischer, verwickelt ihn langsam und gegen dessen Widerstand
in ein Gespräch, in dessen Verlauf der Tourist in begeisterten
Tönen und Bildern dem armen Mann klarzumachen versucht,
was er alles erreichen könne, wenn er eben nicht "faul"
in der Sonne läge, sondern abermals hinausführe,
um noch mehr Fische zu fangen, die einen besseren Verkauf
gewährleisten würden.... Er könne sich dann
bald ein besseres Boot kaufen, vielleicht sogar zwei Boote,
sich eine kleine Fischfabrik erbauen..."Und wozu das
alles?" fragt der "arme" Fischer? "Dann
könnten sie andere anstellen, für sich arbeiten
lassen.... und bräuchten eines Tages gar nichts mehr
zu tun und könnten in der Sonne liegen!" Darauf
der Fischer lakonisch: "Aber genau das tue ich doch jetzt
schon..."
Quelle: Heinrich Böll (verkürzte Wiedergabe)
Beweise
Der Mann am Rednerpult vor einer Gruppe von Trinkern war
entschlossen, seiner Zuhörerschaft ein für allemal
schlagend zu beweisen, dass der Alkohol das schlimmste Übel
sei. Er hatte zwei Glasgefäße vor sich aufgebaut,
die scheinbar beide die gleiche durchsichtige Flüssigkeit
enthielten. In dem einen Glas sei klares Wasser, verkündete
der Redner, jedoch im andern reiner Alkohol. Darauf tauchte
er einen kleinen Wurm in das erste Glas. Alle sahen zu, wie
der Wurm alsbald zum Rand hinschwamm und seelenruhig daran
hochkroch. Nun setzte der Mann den Wurm in das Gefäß
mit Alkohol. Vor aller Augen zerfiel das Tier. "Also!"
sprach der Mann, "was sehen wir daraus?" Von der
Rückwand des Raumes her sagte eine Stimme ganz deutlich:
"Völlig klar - Trink Alkohol, und du kriegst keine
Würmer.
Quelle: unbekannt
Fortschritt
Es war einmal ein kleiner Junge. Er wohnte in der Stadt und
war nicht älter als drei Jahre und sehr verspielt. Sein
Vater sagte an einem schönen Sonntag im Frühling
zu ihm: "Komm mit, wir gehen in den Park. Dort waren
die Frühlingsblumen aus der von Sonne erwärmten
Erde gekommen; ringsherum blühte es, gelb weiß
und blau. Dem kleinen Jungen gefiel dies sehr. Er ging zu
den Blumen, roch daran und entdeckte, da es in der vorhergehenden
Nacht geregnet hatte, viele kleine Schnecken unter den Pflanzen.
Die sammelte er und lief dabei kreuz und quer, hin und zurück,
über blühende Anlagen. Der Vater stand dabei, schaute
zu und freute sich über diesen schönen Tag. Nach
einiger Zeit wurde er unruhig und ging einige Schritte weiter.
Das Kind aber blieb bei seiner Entdeckung. Der Vater sprach
es an: "Komm wir gehen weiter!" Keine Antwort, keine
Reaktion: "Komm halt, wir gehen etwas weiter", rief
er, schon ungeduldiger, zum zweitenmal. Da schaute der kleine
Junge auf und fragte: "Wohin den weiter?"
Quelle: unbekannt
Sich helfen lassen
Wollen wir Probleme oder Schwierigkeiten bewältigen,
müssen wir uns auf die Stärken und Hilfen besinnen,
die uns dabei dienlich sein können. Die Geschichte von
dem kleinen Jungen, der trotz größter Anstrengung
einen gewaltigen Stein nicht anheben kann, macht das deutlich.
Der Vater fragt den Sohn "Hast du denn wirklich alle
Kräfte, die dir zur Verfügung stehen eingesetzt?"
-"Ja, das siehst du doch - es geht wirklich nicht!"
-"Das glaub ich dir nicht!"
-"Wieso!" fragt der Junge erstaunt.
Der Vater antwortet: "Du hast mich noch nicht um Hilfe
gefragt."
Kräfte sammeln heißt auch, Hilfe von Fremden oder
Fachleuten erbitten oder in Anspruch nehmen.
Quelle: unbekannt
Freiheit und Autonomie
Von dem Dichter Khalil Gibran gibt es eine sehr schöne
Darstellung der scheinbar paradoxen Erscheinung von Liebenden,
die allein und doch zusammen sind:
Singt und tanzt zusammen, bleibe aber jeder für sich,
so wie die Saiten einer Laute allein sind,
auch wenn sie dieselbe Musik erklingen lassen.
Gebt eure Herzen, aber liefert sie dem anderen nicht aus,
denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.
Und steht zusammen, aber nicht zu nahe zusammen,
denn auch die Säulen des Tempels stehen getrennt,
und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten des
Nachbarbaumes.
Quelle: unbekannt
Die Sorgen der Anderen
Eine Frau war mit ihrem Schicksal unzufrieden; sie war ärmer
als alle anderen. Das Brot reichte nie für ihre sieben
Kinder. Ihr Mann war schon früh gestorben. Eines Nachts,
nach verzweifeltem Gebet, erschien ihr ein Engel, der ihr
einen Sack gab und befahl, alle ihre Sorgen und Nöte
in ihn hineinzuwerfen. Der Sack war kaum groß genug,
um soviel Kummer, Sorgen und Ängste zu fassen. Der Engel
aber nahm sie bei der Hand und führte sie, die stöhnend
und vor sich hin schimpfend den Sack trug, in den Himmel.
Oben angekommen, staunte die Frau. Sie hatte sich den Himmel
anders vorgestellt. Die Wolken waren alle Sorgensäcke.
Und auf dem größten der Säcke saß ein
alter, sehr ehrwürdiger Herr, der ihr aus der Kindheit
von Bildern her noch bekannt war. Der Allwissende wußte
auch um ihre Sorgen - hatte er doch ihre Gebete und Flüche
alltäglich gehört. Er gebot ihr, den Sack abzustellen
und sagte, sie dürfe alle anderen Säcke öffnen
und in sie hineinschauen. Für einen aber müsse sie
sich entscheiden und ihn in ihr Erdenleben zurücknehmen.
Sie öffnete einen Sack nach dem anderen und fand Ärger,
Probleme, bedrängende Konflikte, Langeweile und ähnliches
mehr. Viele dieser Dinge kamen ihr fremd vor, andere bekannt
und von wiederum anderen wußte sie nicht recht, ob sie
sie schon einmal gesehen hätte oder nicht. Mühsam
arbeitete sie sich durch die Wolken hindurch, bis sie endlich
zu dem letzten Sack kam. Diesen öffnete sie, breitete
den Inhalt aus, gliederte ihn und erkannte, dass es ihrer
war. Als sie den Sack aber hob, kam er ihr viel leichter vor,
mehr noch: ihre Sorgen sorgten sie nicht mehr, ihre Schmerzen
schmerzten sie nicht mehr. Statt dessen sah sie reale Mißstände,
objektive Drohungen und lohnende Ziele.
Quelle: unbekannt (Oriental. Geschichte)
Die Schwierigkeit, es allen recht zu
machen
Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut
durch die staubigen Gassen von Keshan. Der Vater saß
auf dem Esel, den der Junge führte. "Der arme Junge",
sagte da ein Vorübergehender. "Seine kurzen Beinchen
versuchen mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann
man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, dass
das kleine Kind sich müde läuft." Der Vater
nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke
ab und ließ den Jungen aufsitzen. Gar nicht lange dauerte
es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme:
"So eine Unverschämtheit. Sitzt doch der kleine
Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer
Vater nebenherläuft." Dies schmerzte den Jungen
und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen.
"Hat man so etwas schon gesehen?" keifte eine schleierverhangene
Frau, "solche Tierquälerei! Dem armen Esel hängt
der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz
ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan, die arme
Kreatur!" Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen
beide, ohne ein Wort zu sagen, vom Esel herunter. Kaum waren
sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich
ein Fremder über sie lustig: "So dumm möchte
ich nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel spazieren,
wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch
nicht einmal einen von euch trägt?" Der Vater schob
dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand
auf die Schulter seines Sohnes. "Gleichgültig, was
wir machen", sagte er, "es findet sich doch jemand,
der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen
selbst wissen, was wir für richtig halten."
Quelle: unbekannt
Diese Geschichte erhielt ich von W. Nippe. Vielen Dank!